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Gartenpersönlichkeiten: Nigel Dunnett (1963–2026)

Nigel Dunnet

Aus gegebenen Anlass wollen wir euch diesmal in unserer Reihe „Gartenpersönlichkeiten“ mit Nigel Dunnett einen herausragenden, international bekannten Gartenarchitekten vorstellen. Sein überraschender Tod hat die Welt des ökologisch fundierten Garten- und Landschaftsdesigns um einen ihrer größten Stars beraubt.

Nigel Dunnett – Der Poet der urbanen Wildnis

Mit dem Tod von Nigel Dunnett († 26. April 2026) verliert die internationale Garten- und Landschaftsarchitektur eine ihrer wichtigsten Stimmen der vergangenen Jahrzehnte. Dunnett prägte wie kaum ein anderer die moderne Auffassung von naturnaher Pflanzengestaltung im öffentlichen Raum. Seine Arbeiten verbanden wissenschaftliche Erkenntnisse aus Ökologie und Vegetationskunde mit emotionaler, farbenreicher Gartengestaltung. Dabei schuf er Bilder von außergewöhnlicher Schönheit – lebendige Pflanzengemälde, die zugleich Lebensraum für Insekten und Vögel waren.

Als Professor an der University of Sheffield beeinflusste Nigel Dunnett Generationen von Landschaftsarchitekten, Gartengestaltern und Pflanzenverwendern weltweit. Seine Ideen zur „natürlichen“ Pflanzung haben Parks, Plätze und urbane Räume nachhaltig verändert.

Grey to Green, Sheffield UK
Grey to Green, Sheffield UK

Kindheit, Naturerfahrungen und prägende Einflüsse

Geboren wurde Nigel Dunnett 1963 in Ipswich in England. Seine Kindheit verbrachte er später in der ländlichen Grafschaft Kent – umgeben von Obstgärten, Heckenlandschaften und Wiesen. Schon früh entwickelte er eine intensive Beziehung zur Natur. Besonders prägend waren für ihn jene emotionalen Naturerlebnisse, die er später immer wieder beschrieb: das Licht im Frühlingswald, die Dynamik einer Wiese oder die jahreszeitlichen Veränderungen natürlicher Vegetation. Diese Erfahrungen wurden zum Fundament seines späteren Schaffens.

Einen entscheidenden Einfluss auf ihn hatte außerdem der berühmte englische Gärtner und Autor Christopher Lloyd. Dessen Buch The Well-Tempered Garden öffnete Dunnett als Jugendlichen die Augen für die kreative Kraft der Pflanzenverwendung. Zugleich studierte er Pflanzenwissenschaften und später Landschaftsdesign, wodurch sich wissenschaftliche Präzision und gärtnerische Leidenschaft in seinem Werk ideal verbanden.

Die „Sheffield School“ – Pflanzen als lebendige Gemeinschaften

Gemeinsam mit seinem Kollegen James Hitchmough entwickelte Dunnett an der University of Sheffield jene Gestaltungsphilosophie, die später international als „Sheffield School“ bekannt wurde. Ausgangspunkt war die Beobachtung natürlicher Pflanzengesellschaften. Pflanzen sollten nicht isoliert verwendet werden, sondern als funktionierende Gemeinschaften – ähnlich wie in der Natur. Dabei ging es jedoch nie um bloße Wildnis oder ungepflegte „Öko-Flächen“. Dunnett wollte Schönheit, Farbigkeit und Biodiversität miteinander verbinden.

Seine Pflanzungen waren deshalb dynamisch, langlebig und vergleichsweise pflegearm. Besonders bekannt wurde er für seine großflächigen Stauden- und Wiesenpflanzungen, die über Monate hinweg attraktiv blieben. Mit den sogenannten „Pictorial Meadows“ entwickelte er ein Konzept farbenprächtiger Blumenwiesen, die selbst an Straßenrändern oder auf Verkehrsinseln eindrucksvolle Bilder erzeugten.

Olympic Gold Meadows
Olympic Gold Meadows

Die Olympischen Spiele 2012 – Ein Wendepunkt der Landschaftsarchitektur

Weltweite Bekanntheit erlangte Nigel Dunnett durch seine Pflanzungen für den Queen Elizabeth Olympic Park anlässlich der Olympischen Spiele 2012 in London. Gemeinsam mit James Hitchmough gestaltete er riesige Wiesen- und Staudenflächen, die sich bewusst von traditionellen englischen Parkanlagen abhoben. Statt klassischer Rasenflächen dominierten blühende Wiesen, Feuchtbiotope und naturnahe Pflanzengesellschaften. Millionen Besucher erlebten damals eine völlig neue Form urbaner Parkgestaltung.

Die Bilder der farbenprächtigen Wildblumenpflanzungen gingen um die Welt und beeinflussten zahlreiche Städteplaner und Landschaftsarchitekten. Heute gilt das Projekt als Meilenstein moderner ökologischer Landschaftsarchitektur.

Tower of London Superbloom
Tower of London Superbloom

Weitere bedeutende Projekte

Zu Dunnetts wichtigsten Arbeiten zählen außerdem die spektakuläre Pflanzung „Superbloom“ im Wassergraben des Tower of London im Jahr 2022, bei der Millionen Blumensamen ausgesät wurden. Besucher konnten durch ein Meer aus Blüten wandern – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Natur und öffentliche Inszenierung verschmelzen können.

Ebenso wegweisend war das Projekt „Grey to Green“ in Sheffield. Hier verwandelte Dunnett eine graue Verkehrsfläche in einen kilometerlangen grünen Korridor mit klimaresilienter Bepflanzung, Regenwassermanagement und hoher ökologischer Qualität. Das Projekt wurde international als Vorbild für klimaangepasste Stadtentwicklung gefeiert.

Weitere bekannte Arbeiten entstanden unter anderem für das Barbican Centre, den Garten zum Diamantjubiläum von Queen Elizabeth II am Buckingham Palace, für Battersea Power Station oder internationale Projekte in Italien und anderen Ländern Europas.

Bergamo Green Square, Italien
Bergamo Green Square, Italien

Ein bleibendes Vermächtnis

Nigel Dunnett verstand Pflanzen nicht nur als dekorative Elemente, sondern als zentrale Bausteine lebenswerter Städte. Lange bevor Themen wie Klimawandel, Biodiversität und Schwammstadt breite Aufmerksamkeit erhielten, zeigte er bereits, wie urbane Räume ökologisch und zugleich emotional ansprechend gestaltet werden können.

Seine Pflanzungen vermittelten Freude, Leichtigkeit und Staunen. Sie machten Natur mitten in der Stadt unmittelbar erlebbar. Damit veränderte Nigel Dunnett die internationale Gartenkultur nachhaltig. Viele heutige Entwicklungen in der naturnahen und klimaangepassten Landschaftsarchitektur wären ohne seinen Einfluss kaum denkbar.

Sein Werk bleibt – in Form blühender Wiesen, lebendiger Stadtlandschaften und einer neuen Sicht auf die Rolle der Pflanzen im urbanen Raum.

The Barbican, London (UK)
The Barbican, London (UK)

Literaturempfehlungen

Von Nigel Dunnett ist bislang nur ein großes Hauptwerk direkt auf Deutsch erschienen – dieses Buch gilt allerdings als ausgesprochen empfehlenswert und gehört mittlerweile fast schon zur Pflichtlektüre für alle, die sich mit moderner, naturnaher Pflanzengestaltung beschäftigen.

„Naturalistische Gartengestaltung“
(Originaltitel: Naturalistic Planting Design)

Das Werk erschien 2020 im Verlag Eugen Ulmer und vermittelt Dunnetts gesamtes Denken zur modernen Pflanzenverwendung: ökologische Pflanzungen, emotionale Wirkung von Pflanzenbildern, langfristig funktionierende Staudenmischungen und die Gestaltung klimaresilienter Gärten. Besonders spannend ist, dass Dunnett darin nicht nur ästhetische Prinzipien erklärt, sondern auch konkrete Methoden für Planung, Pflanzenauswahl und Pflege vermittelt.

Das Buch überzeugt vor allem durch:

  • außergewöhnlich starke Bildsprache,
  • zahlreiche internationale Projektbeispiele,
  • konkrete Pflanzenkombinationen,
  • praxisnahe Gestaltungstipps,
  • Verbindung von Ökologie und Gartenkunst.

Gerade für Leserinnen und Leser im deutschsprachigen Raum ist das Werk deshalb interessant, weil viele der vorgestellten Pflanzen und Gestaltungsprinzipien auch in mitteleuropäischen Gärten hervorragend funktionieren.

Wer sich für die Arbeiten von Piet Oudolf, Noel Kingsbury oder die sogenannte „New Perennial Movement“ interessiert, wird an diesem Buch große Freude haben. Dunnett schreibt dabei wissenschaftlich fundiert, aber zugleich sehr inspirierend.

„Naturalistische Gartengestaltung“ ist erhältlich unter anderem bei Thalia.

Olympic Park Gold Meadows
Olympic Park Gold Meadows

Welche englischen Bücher besonders lohnend sind

Viele weitere wichtige Werke Dunnetts sind leider bisher nicht übersetzt worden. Einige davon sind jedoch so bedeutend, dass sie auch mit mittleren Englischkenntnissen gut lesbar sind:

„The Dynamic Landscape“

Gemeinsam mit James Hitchmough verfasst, gilt dieses Buch als eines der Grundlagenwerke moderner naturalistischer Pflanzenverwendung im öffentlichen Raum. Es verbindet Vegetationskunde, Ökologie und Gestaltung auf höchstem Niveau. Besonders interessant für Landschaftsarchitekten und ambitionierte Pflanzenverwender.

„Planting Green Roofs and Living Walls“

Ein wegweisendes Buch über Dachbegrünung und vertikale Begrünung, lange bevor diese Themen allgemein populär wurden. Dunnett war einer der Pioniere moderner grüner Infrastruktur.

„Rain Gardens“

Hier beschäftigt sich Dunnett mit wassersensibler Gestaltung, Regenwassermanagement und klimaangepassten Pflanzungen. Heute aktueller denn je.


Mehr Informationen zu einzelnen Projekten Nigel Dunnetts auf https://www.nigeldunnett.com/

Alle Bilder von der Website von Nigel Dunnett. © Nigel Dunnett.

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