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Gartenpersönlichkeiten: Ernst Pagels (1913–2007)

Ernst Pagels © Marion Nickig

In dieser Serie stellen wir in lockeren Abständen Persönlichkeiten der Gartengeschichte vor, die wesentlich die Gartenkultur und Gartengestaltung geprägt haben. Die Reihe starteten wir mit einem Beitrag über Karl Foerster (1874 – 1970), dem Gärtner, Staudenzüchter, Schriftsteller und Gartenphilosophen aus Berlin, nun stellen wir einen seiner „Jünger“ vor.

Ernst Pagels – Der Meister der Stauden und stiller Pionier moderner Gartenkunst

Nach Karl Foerster, seinem großen Vorbild, und Georg Arends gilt Ernst Pagels als einer der bedeutendsten deutschen Staudenzüchter des 20. Jahrhunderts. Von über 300 von ihm gezüchteten Staudensorten führte er 130 ein, von denen viele bis heute weltweit in den Sortimenten der Staudengärtnereien zu finden sind.  Besonders seine Salvia- und Miscanthus-Züchtungen machten ihn international bekannt. Sein Name und sein Lebenswerk werden im europäischen Ausland und den USA nach wie vor hochgeschätzt.  Auch Piet Oudolf, heute selbst ein gefeierter Gartendesigner aus den Niederlanden, gehörte zu seinen Schülern. Er pflegte den Kontakt zu Pagels und erkannte schon in jungen Jahren das immense qualitative und gestalterische Potenzial seiner Züchtungen.

In seiner Gärtnerei in Leer (Ostfriesland) schuf er über Jahrzehnte hinweg eine enorme Vielfalt an neuen Stauden- und Gräsersorten, die bis heute das Bild vieler moderner Gärten prägen. Pagels verband wissenschaftliche Genauigkeit mit künstlerischem Empfinden – und wurde so zu einem der Wegbereiter des naturnahen, pflegeleichten Gartens.

Ernst Pagels 2004 in seiner Gärtnerei
Ernst Pagels 2004 in seiner Gärtnerei. © Dieter Pommerening/Wikipedia

Frühe Jahre und prägende Einflüsse

Schon früh zeigte sich Pagels’ Interesse an der Pflanzenwelt. Nach seiner Ausbildung zum Gärtner führte ihn sein Weg zu Karl Foerster nach Potsdam-Bornim – dem wohl einflussreichsten Staudengärtner seiner Zeit. Foersters Idee vom „Garten der ewigen Blüte“ und sein ganzheitlicher Blick auf Pflanzengemeinschaften prägten Pagels nachhaltig. Doch statt Foerster nur zu imitieren, ging Pagels eigene Wege: Er konzentrierte sich stärker auf die Züchtung langlebiger, robuster Pflanzen, die unter rauen norddeutschen Bedingungen gedeihen konnten.

Die Gärtnerei in Leer – Labor und Lebenswerk

Nach seiner Rückkehr nach Ostfriesland gründete Pagels seine eigene Staudengärtnerei, die er jahrzehntelang mit Hingabe führte. In dem flachen, windoffenen Klima Ostfrieslands testete er Pflanzen auf ihre Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit. Diese strenge Auswahl führte zu Sorten, die nicht nur schön, sondern auch ausgesprochen pflegeleicht waren – ideal für öffentliche Grünanlagen und private Gärten gleichermaßen.

Achillea Filipendulina-Hybride ‚Terracotta‘ –
Eine der vielen großartigen Züchtungen von Ernst Pagels: Achillea ‚Terracotta‘ macht ihrem Namen wirklich alle Ehre. Aufblühend in Orange-braun, bleiben die Blütenteller zunächst orange und verfärben sich später im Verblühen hin zu Gelb- bzw. Ockertönen. Dieses beeindruckende Farbenspiel macht die Sorte zu einer einzigartigen und unverkennbaren Lichtgestalt im sonnigen Staudenbeet. Hier in Kombination mit Echinops ritro ‚Veitch’s Blue‘ (Kugeldistel) mit ihrer intensiven, stahlblauen Farbe. © OGV Wagrain-Kleinarl

Züchtungsschwerpunkte – Gräser, Astilben und Strukturpflanzen

Ernst Pagels hat im Laufe seines langen Lebens eine beeindruckende Zahl an Stauden- und Gräsersorten gezüchtet, von denen viele bis heute in Gärtnereien und öffentlichen Pflanzungen zu finden sind. Besonders bekannt wurde Pagels durch seine Arbeiten an Ziergräsern. Er erkannte früh das gestalterische Potenzial dieser Pflanzen und trug entscheidend dazu bei, dass Gräser heute ein selbstverständlicher Bestandteil moderner Gartenarchitektur sind. Sorten wie Calamagrostis × acutiflora ‘Karl Foerster’, Miscanthus sinensis ‘Gracillimus’ oder seine zahlreichen Molinia– und Panicum-Auslesen zählen zu den Klassikern.

Auch mit Stauden wie AstilbenPhlox und Geranium erzielte Pagels bemerkenswerte Erfolge. Seine Pflanzen zeichnen sich durch Standfestigkeit, natürliche Eleganz und lange Lebensdauer aus – Eigenschaften, die er gezielt durch Beobachtung und konsequente Auslese förderte.

Hier eine Auswahl seiner erfolgreichsten und bekanntesten Züchtungen, gegliedert nach Pflanzengruppen:

🌾 Gräser

  • Calamagrostis × acutiflora ‘Overdam’ – eine kompaktere, panaschierte Variante des Klassikers ‘Karl Foerster’.
  • Molinia caerulea ‘Moorhexe’ – niedrig, standfest und mit besonders dunklen Blütenständen.
  • Molinia arundinacea ‘Transparent’ – elegant überhängend, mit luftig-lichten Blütenrispen.
  • Panicum virgatum ‘Rehbraun’ – aufrecht wachsend mit rötlich-brauner Herbstfärbung.
  • Miscanthus sinensis ‘Silberfeder’ – frühblühend, standfest und mit markanten silbrigen Blütenständen.
  • Deschampsia cespitosa ‘Goldtau’ – zartes Goldschleiergras, das Struktur und Leichtigkeit in Pflanzungen bringt.

🌸 Stauden

  • Achillea Filipendulina-Hybride ´Terracotta´ – aufblühend in Orange-braun, im Verblühen hin zu Gelb- bzw. Ockertönen.
  • Astilbe simplicifolia ‘Bronce Elegans’ – mit bronzefarbenem Laub und zarten rosa Blüten.
  • Astilbe × arendsii ‘Irrlicht’ – leuchtend weiß, frühblühend und robust.
  • Phlox paniculata ‘Weiße Wolke’ – sehr standfest und mehltauresistent, mit großen weißen Blüten.
  • Geranium sanguineum ‘Vision’ – langlebig, reichblühend und trockenheitsverträglich.
  • Aster novi-belgii ‘Rosa Sieger’ – standfeste Herbstaster mit kräftig rosa Blüten.
  • Helenium ‘Rauchtopas’ – warme, bernsteinfarbene Blüten und lange Blütezeit.
  • Salvia nemerosa ´Ostfriesland´ – kompakt und aufrecht wachsend, mit tief-violetten Blütenkerzen.
  • Salvia nemorosa ´Blauhügel´ – reinblaue, niedrige Sorte mit dichtem, standfestem Wuchs.

🌿 Besondere Auslesen und Raritäten

  • Veronicastrum virginicum ‘Diana’ – aufrecht, elegant und mit hellvioletten Blütenkerzen.
  • Persicaria amplexicaulis ‘Taurus’ – lang blühend, mit intensiven karminroten Ähren.
  • Eupatorium maculatum ‘Atropurpureum’ – imposant, standfest und beliebt bei Insekten.
Gräser wie hier Miscanthus sinensis (China-Schilf) und Panicum virgatum (Rutenhirse) entfalten eine ornamentale Wirkung.
Gräser wie hier Miscanthus sinensis (China-Schilf) und Panicum virgatum (Rutenhirse) entfalten eine ornamentale Wirkung. © OGV Wagrain-Kleinarl

Philosophie und Einfluss auf die Gartenkultur

Pagels war kein Mann großer Worte, sondern des genauen Hinschauens. Er verstand den Garten als lebendiges, sich wandelndes System, in dem jede Pflanze ihren Platz und Zweck hat. Damit war er seiner Zeit voraus: Seine Arbeit beeinflusste nicht nur andere Züchter, sondern auch Landschaftsarchitekten und Gartengestalter in ganz Europa. Seine Sorten sind heute fester Bestandteil naturnaher Pflanzkonzepte und prägen das Bild nachhaltiger Gartengestaltung.

Ein bleibendes Vermächtnis

Bis ins hohe Alter blieb Ernst Pagels aktiv und neugierig. Noch mit über 90 Jahren arbeitete er täglich in seiner Gärtnerei. Nach seinem Tod im Jahr 2007 hinterließ er ein einzigartiges Werk – eine Fülle an Pflanzen, die Ästhetik und Ökologie auf wunderbare Weise verbinden.

Ernst Pagels hat die Gartenkultur nachhaltig verändert. Seine Züchtungen leben in unzähligen Gärten weiter – als leise, aber kraftvolle Botschaft eines Mannes, der den Pflanzen zuhörte und ihnen Raum gab, ihre natürliche Schönheit zu entfalten.

Der Pagels-Garten in Leer © Marion Nickig
Der Pagels-Garten im ostfriesischen Leer © Marion Nickig

„Wir  kleinen Gartenmenschen haben ja wohl nicht die Möglichkeit, den desolaten Zustand der Welt zu verändern. Aber die Möglichkeit, der zunehmenden Zerstörung und Hässlichkeit der Welt die Schönheit unserer Pflanzen entgegenzusetzen, ist uns gegeben.“

Ernst Pagels (1913-2007)

Quellen:


Beitragsbild: Ernst Pagels © Marion Nickig

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