Wir haben euch bereits einige wichtige Persönlichkeiten in der Gartenkultur vorgestellt. Aber kein Gartengestalter ist derzeit mehr im Gespräch und hat die moderne Staudenverwendung so nachhaltig geprägt wie der Niederländer Piet Oudolf. Seine Pflanzungen wirken auf den ersten Blick oft wie natürliche Wiesen oder spontan entstandene Pflanzengesellschaften. Tatsächlich steckt dahinter jedoch eine außerordentlich präzise Planung. Oudolf verbindet Stauden und Gräser zu Bildern, die sich im Laufe der Jahreszeiten ständig verändern – und gerade deshalb auch dann interessant bleiben, wenn längst keine Blüte mehr zu sehen ist.
Der 1944 in Haarlem geborene Oudolf begann seine Laufbahn nicht auf dem klassischen Weg einer Gartenbaukarriere. Gemeinsam mit seiner Frau Anja gründete er 1976 in Haarlem ein Garten- und Landschaftsplanungsbüro. 1982 zog das Paar nach Hummelo im Osten der Niederlande und gründete dort eine Staudengärtnerei. Diese wurde zu einem wichtigen Experimentierfeld für Oudolfs Pflanzenverwendung. Hier konnte er Pflanzen beobachten, kombinieren und immer wieder neue Pflanzkonzepte ausprobieren. Die Gärtnerei wurde damit gewissermaßen zum Labor für jene Gestaltungsideen, die später weltweit bekannt werden sollten.
Von Mien Ruys zu Karl Foerster
Oudolfs Gartenstil entstand nicht aus dem Nichts. Zu seinen wichtigen frühen Einflüssen gehörte die niederländische Gartengestalterin Mien Ruys. Von ihr übernahm er unter anderem die Idee, natürliche Pflanzenbilder mit einer klaren, architektonischen Gestaltung zu verbinden. Ebenfalls von großer Bedeutung war Karl Foerster, dessen Verwendung von Gräsern und Stauden Oudolf nachhaltig beeinflusste.
Später kamen weitere Impulse hinzu: die naturalistischen Präriepflanzungen des amerikanischen „New Perennial Style“, die Arbeit von Pflanzenkennern wie Henk Gerritsen sowie Beobachtungen natürlicher Pflanzengesellschaften. Auch die Sichtungs- und Schaugärten Hermannshof in Weinheim und Weihenstephan waren wichtige Inspirationsquellen. Oudolf interessierte sich zunehmend für Pflanzen, die nicht nur während ihrer Blüte attraktiv sind, sondern auch durch Blätter, Samenstände, Stängel und ihre winterliche Struktur.
Besonders wichtig wurde die Zusammenarbeit mit Henk Gerritsen. Gemeinsam veröffentlichten sie 1991 das Buch Dream Plants for the Natural Garden. Es wurde zu einem wichtigen Dokument der neuen naturalistischen Staudenverwendung und trug wesentlich dazu bei, ein neues Verständnis für die Gestaltung mit Stauden und Gräsern zu verbreiten.

Der „New Perennial“-Stil
Piet Oudolf gilt als eine der zentralen Figuren der sogenannten „New Perennial“-Bewegung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die möglichst lange und üppige Blüte einzelner Pflanzen, sondern das Zusammenspiel einer ganzen Pflanzengemeinschaft. Stauden und Gräser werden in größeren Gruppen, Bändern und wiederkehrenden Kombinationen gepflanzt. Dabei entstehen Bilder, die gleichzeitig natürlich und sehr bewusst komponiert wirken.
Ein entscheidender Unterschied zum traditionellen Staudenbeet liegt darin, dass Oudolf den Wert einer Pflanze nicht allein nach ihrer Blüte beurteilt. Struktur, Silhouette, Textur, Samenstände und die Veränderung im Jahresverlauf spielen eine ebenso wichtige Rolle. Deshalb werden bei ihm auch verblühte Stauden nicht sofort zurückgeschnitten. Die abgestorbenen Stängel können im Herbst und Winter weiterhin attraktive Formen bilden, Schnee und Raureif aufnehmen und Vögeln Nahrung und Unterschlupf bieten.
Oudolfs Pflanzungen sind dabei keineswegs ungeplante „Wildnis“. Hinter dem scheinbar spontanen Eindruck stehen genaue Kenntnisse über Wuchsform, Höhe, Ausbreitung, Blütezeit, Standortansprüche und die Wechselwirkungen der Pflanzen. Die RHS beschreibt beispielsweise seine für Wisley typische Matrixpflanzung als Kombination aus wenigen dominierenden Arten mit zahlreichen begleitenden Pflanzen. Dadurch entsteht ein natürlich wirkendes Bild, das in Wirklichkeit sehr genau kontrolliert ist.
Hummelo – das Versuchslabor
Eine Schlüsselrolle in Oudolfs Entwicklung spielte sein eigener Garten in Hummelo. Gemeinsam mit seiner Frau Anja machte er die dortige Gärtnerei und den Garten zu einem Ort, an dem neue Pflanzenkombinationen ausprobiert wurden. Viele Ideen, die später in seinen internationalen Projekten auftauchten, wurden hier zunächst entwickelt und beobachtet.
Die Verbindung von Pflanzenkenntnis und Gestaltung ist vielleicht die größte Besonderheit seiner Arbeit. Oudolf ist nicht ausschließlich Landschaftsarchitekt, sondern vor allem ein leidenschaftlicher Plantsman – ein Pflanzenkenner. Er denkt von der Pflanze aus und entwickelt daraus ganze Landschaftsbilder. Seine handgezeichneten Pflanzpläne sind selbst komplexe Kompositionen aus Flächen, Symbolen und Farbfeldern.

Die High Line – der Durchbruch zum Weltstar
International bekannt wurde Oudolf vor allem durch die High Line in New York. Die ehemalige Hochbahntrasse war nach der Einstellung des Zugverkehrs über Jahrzehnte sich selbst überlassen worden. Auf dem Bahndamm hatte sich eine besondere, vom Menschen weitgehend unabhängige Vegetation entwickelt.
Gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekturbüro Field Operations und dem Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro entwickelte Oudolf daraus eine öffentliche Parklandschaft. Seine Pflanzung nahm die ursprüngliche, spontan entstandene Vegetation zum Ausgangspunkt. Mehr als 200 Stauden, Gräser, Gehölze und Bäume wurden so kombiniert, dass ein vielschichtiges, jahreszeitlich wechselndes Bild entstand.
Die High Line wurde zu einem Meilenstein der zeitgenössischen Landschaftsarchitektur. Sie zeigte eindrucksvoll, dass eine urbane Parkanlage nicht zwangsläufig aus Rasenflächen, Einzelgehölzen und regelmäßig geschnittenen Beeten bestehen muss. Stattdessen kann eine naturnahe Pflanzung mitten in einer Großstadt ein starkes gestalterisches und emotionales Erlebnis erzeugen.
Lurie Garden und weitere bedeutende Projekte
Ein weiteres herausragendes Projekt ist der Lurie Garden im Millennium Park von Chicago. Oudolf entwickelte dort die Staudenpflanzung als Teil eines größeren landschaftsarchitektonischen Konzepts. Auch hier verbindet sich eine streng komponierte Grundstruktur mit scheinbar frei wachsenden Pflanzengemeinschaften. Der Garten gehört zu den international bekannten Beispielen des New-Perennial-Stils.
In England entstand unter anderem der Garten von Scampston Hall in North Yorkshire. Hier zeigt sich besonders schön Oudolfs Fähigkeit, natürliche Pflanzungen mit einer klaren architektonischen Struktur zu verbinden. Geschnittene Eiben, Buchsformen und Hecken bilden einen formalen Rahmen, innerhalb dessen Gräser und Stauden scheinbar frei fließen. Die sogenannte Perennial Meadow sorgt über eine lange Zeit des Jahres für wechselnde Eindrücke.
Zu seinen weiteren wichtigen Arbeiten zählen Trentham Estate bei Stoke-on-Trent, Pensthorpe, die Pflanzungen am Londoner Queen Elizabeth Olympic Park, der Garten der Serpentine Gallery in Zusammenarbeit mit Peter Zumthor sowie das Oudolf Field bei Hauser & Wirth in Somerset. Das Oudolf Field umfasst rund 1,5 Hektar und wurde mit mehr als 26.000 Stauden bepflanzt.
Auch in Deutschland ist Oudolf mit bedeutenden Projekten vertreten, unter anderem am Vitra Campus in Weil am Rhein und im Maximilianpark in Hamm. Sein offizielles Projektverzeichnis umfasst inzwischen zahlreiche Gärten und Landschaften in Europa, Nordamerika und Asien.

Ein Garten soll das ganze Jahr interessant sein
Vielleicht liegt genau darin Oudolfs wichtigste Leistung: Er hat unseren Blick auf das Staudenbeet verändert. Die entscheidende Frage lautet bei ihm nicht: „Welche Pflanzen blühen möglichst lange und möglichst bunt?“, sondern: „Wie entwickelt sich dieses Pflanzenbild über das gesamte Jahr?“
Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden als gleichwertige Phasen betrachtet. Blüten sind nur ein Teil des Bildes. Im Herbst gewinnen Gräser und Samenstände an Bedeutung, im Winter treten Silhouetten, Stängel und Fruchtstände hervor. Gleichzeitig bewegen sich die Pflanzen im Wind und verändern ihre Wirkung mit Licht und Wetter.
Oudolf hat damit eine Gartensprache geschaffen, die Natürlichkeit und Gestaltung miteinander verbindet. Seine Pflanzungen wirken nicht deshalb überzeugend, weil sie der Natur möglichst genau nachempfunden sind, sondern weil sie die Gesetzmäßigkeiten natürlicher Pflanzengesellschaften mit einer bewussten künstlerischen Komposition verbinden.
Ein nachhaltiger Einfluss auf die Gartenkultur
Piet Oudolf hat die internationale Gartenkultur weit über seine eigenen Projekte hinaus beeinflusst. Viele heute beliebte Pflanzkonzepte – große Gräserflächen, Staudenmischungen, naturalistische Pflanzungen und die bewusste Einbeziehung des Winteraspekts – stehen zumindest indirekt mit der von ihm maßgeblich geprägten Entwicklung des „New Perennial“-Stils in Verbindung.
Seine wichtigste Botschaft für Gartenfreunde lässt sich dabei vielleicht ganz einfach zusammenfassen: Ein guter Garten muss nicht ständig blühen, um schön zu sein. Er darf sich verändern, altern, verblühen und sogar absterben – und gerade darin seine besondere Schönheit zeigen.
Für den modernen Stauden- und Naturgarten ist diese Sichtweise von großer Bedeutung. Sie eröffnet auch im eigenen Garten neue Möglichkeiten: weniger auf einzelne spektakuläre Blüten zu achten, sondern Pflanzen nach ihrem gesamten Lebenszyklus auszuwählen. Wer einen Garten gestaltet, der im Frühling, Sommer, Herbst und Winter interessant bleibt, folgt damit einem Gedanken, den Piet Oudolf über Jahrzehnte zu einer eigenständigen Gartensprache entwickelt hat.
Typisch Oudolf: Die Grundlagen für ein naturalistisches Staudenbeet
1. Nicht die einzelne Pflanze, sondern das Zusammenspiel zählt
Eine Oudolf-inspirierte Pflanzung entsteht nicht dadurch, dass man möglichst viele dieser Pflanzen sammelt. Entscheidend ist vielmehr die Kombination unterschiedlicher Formen und Funktionen. Aufrechte Pflanzen können beispielsweise mit kugeligen Blütenständen, lockeren Gräsern und flächig wachsenden Stauden verbunden werden.
Dabei ist Wiederholung ein wichtiges Gestaltungsmittel. Eine Pflanze, die an mehreren Stellen des Beetes wieder auftaucht, verbindet einzelne Bereiche miteinander. Statt vieler verschiedener Arten mit jeweils nur einer Pflanze entstehen größere Gruppen, die sich teilweise ineinander verzahnen.

2. Blüte ist nur ein Teil der Gestaltung
Ein zentraler Gedanke Piet Oudolfs besteht darin, Pflanzen nicht ausschließlich nach ihrer Blüte auszuwählen. Eine Staude kann auch durch ihre Blattform, ihre Wuchsform oder ihren Samenstand interessant sein. Gräser sind dafür ein besonders gutes Beispiel: Ihre Blüten sind oft unscheinbar, doch ihre Halme und Blütenstände verleihen dem Garten im Herbst und Winter eine ganz eigene Atmosphäre.
Deshalb sollte man beim Planen eines solchen Beetes immer mehrere Jahreszeiten gleichzeitig betrachten. Was geschieht nach der Blüte? Wie sieht die Pflanze im September aus? Welche Silhouette bleibt im November? Und wie wirkt sie mit Raureif oder Schnee?
3. Ein Garten, der sich verändern darf
Eine naturalistische Pflanzung nach dem Vorbild Oudolfs ist kein statisches Bild. Sie verändert sich ständig. Im Frühjahr dominieren frische Blätter und erste Blüten, im Sommer erreicht die Pflanzung ihre größte Fülle. Im Herbst kommen Samenstände und Gräser zur Geltung, und im Winter bleiben die Silhouetten der abgestorbenen Pflanzen erhalten.
Gerade darin liegt der besondere Reiz dieses Gartenstils. Der Garten muss nicht zu jeder Jahreszeit perfekt „aufgeräumt“ aussehen. Verblühte Pflanzen und trockene Stängel werden nicht als Fehler betrachtet, sondern als Bestandteil des Gartenbildes. Wer sich auf diese Sichtweise einlässt, kann auch im eigenen Garten ein Stück jener Atmosphäre schaffen, die Piet Oudolfs berühmte Pflanzungen so unverwechselbar macht.
Buchempfehlungen
• Piet Oudolf: Das Werk – Gärten, Pflanzpläne und Zeichnungen
Das ist die aktuellste und wohl interessanteste Neuerscheinung. Das Buch ist im September 2026 erstmals auf Deutsch erschienen und versammelt auf 288 Seiten 386 Fotos und Pläne aus Oudolfs weltweiten Projekten. Besonders wertvoll sind die großformatigen Ausklappseiten mit seinen handgezeichneten Pflanzplänen.
Es geht ausdrücklich nicht um einen klassischen Gartenratgeber, sondern um Oudolfs Arbeitsweise und seine Gestaltungsideen. Gerade für jemanden, der sich für die Planung von Staudenpflanzungen interessiert, dürfte das sehr aufschlussreich sein.
Piet Oudolf. Das Werk beim Plantvs Verlag
• Piet Oudolf & Henk Gerritsen: Gärten inspiriert von der Natur – Die schönsten Stauden und Gräser
Dieses Buch ist für mich das wichtigste praktische Oudolf-Buch in deutscher Sprache. Die aktuelle deutsche Ausgabe erschien 2021 beim BLV-Verlag und umfasst 288 Seiten. Es basiert auf Planting the Natural Garden, einem der grundlegenden Bücher der New-Perennial-Bewegung.
Oudolf und Gerritsen beschäftigen sich darin mit der Auswahl und Kombination von Stauden und Gräsern und erklären, wie natürliche, aber dennoch bewusst komponierte Pflanzungen entstehen.
Wenn man nur ein einziges Oudolf-Buch für die praktische Gartenplanung kaufen möchte, würde ich dieses nehmen.
Gärten inspiriert von der Natur bei Thalia Österreich
Links
https://www.thehighline.org/gardens
Beitragsbild: Piet Oudolf bei Vitra © Vitra International AG

